Lieber Koch-AG als Tanzcafé
Darum sind stationäre Angebote für junge Pflegebedürftige anders
Jüngere Menschen, die nach einem Unfall oder wegen schwerer chronischer Erkrankungen auf Pflege angewiesen sind, haben meist nur die Wahl zwischen einem langjährigen Krankenhausaufenthalt oder einem Leben in einer herkömmlichen Senioreneinrichtung. In den Einrichtungen des ASB für „Junge Pflege“ ist das anders: Hier gibt es eine altersgemäße Gemeinschaft und fachlich qualifizierte Betreuung.
Im Oberhausener „ASB-Pflege- und -Begegnungszentrum Annemarie-Renger-Weg“ sind die 18 Plätze im Sonderpflegebereich für jüngere Pflegebedürftige alle belegt. „Wir haben hier ein buntes Portfolio, bei uns kann jeder Mensch sein“, berichtet Einrichtungsleiter Manfred Lübke und erklärt: „Klassische Altenpflege allein könnte die hohen Anforderungen an Junge Pflege nicht erfüllen, denn die psychosoziale Betreuung unserer Bewohner ist genauso wichtig wie die pflegerische. Daneben sind Verständnis, Einfühlungsvermögen und Geduld gefragt. Eine generalistische Pflegeausbildung und Weiterbildungen unserer Fachkräfte sind wichtig, um der speziellen Langzeitpflege jüngerer Menschen gerecht zu werden.“ Acht Pflegefachkräfte und zwei soziale Betreuer:innen gehören zu seinem Team.
Am Leben teilhaben ![]()
Bei den Pflegebedürftigen steht altersgerechte Freizeitgestaltung hoch im Kurs und ist ein wichtiger Ausgleich zum anstrengenden Pflegealltag. Bewohnerinnen und Bewohner der „Jungen Pflege“ sind meist zwischen 20 und 60 Jahre alt – statt zum Schlagerabend oder zur Sitztanzgruppe möchten sie daher lieber ins Fußballstadion oder sich in der Koch-AG auspowern. Ob bei Ausflügen, Gesellschaftsspielen, der Gestaltung ihrer Zimmer oder der Zusammenstellung des Speiseplans: Hier entscheiden die Bewohner:innen mit, wo es langgeht.
„Und bei allen Aktivitäten gilt: Was noch geht, wird gefördert“, bringt es Sozialarbeiterin Jessica Brunner auf den Punkt. Als Fachkraft für Soziale Dienste achtet sie – wie alle im Team – auf einen respektvollen Umgang miteinander. „Junge Pflegebedürftige haben andere Ansprüche an ein Pflegeheim als Senioren. Sie wollen am Leben teilhaben und ihren Interessen nachgehen. Wir helfen ihnen, ihre Wünsche zu verwirklichen“, ergänzt sie.
Wie eine zweite Familie
Das weiß auch Jannick Schwaderer zu schätzen. Er ist mit 23 Jahren der jüngste Bewohner im Haus, hat eine genetisch bedingte neuromuskuläre Erkrankung. Gegen deren Fortschreiten kämpft er erfolgreich an, hat seinen Schulabschluss gemeistert und möchte nun Mediengestalter werden. Vor fast zwei Jahren zog er aus dem beschaulichen Rheinland-Pfalz mitten in die quirlige Ruhrgebietsmetropole. Hier fühlt er sich wohl und ist in seiner Wohngruppe gut angekommen: „Das ist jetzt wie meine zweite Familie.“
Jannicks Vater – alleinerziehend und beruflich stark eingespannt – erkannte vor zwei Jahren, dass er bei der Pflege seines Sohnes Hilfe braucht. Nach erfolgloser Suche gelangte er auf ärztliche Empfehlung an den ASB in Oberhausen und vereinbarte gleich einen Schnuppertermin im Pflegezentrum. Beide Schwaderers waren schnell überzeugt, trotz der Entfernung vom Heimatort hier richtig zu sein. Und Jannick blieb, weil „das Konzept passte“.
Solange es geht
Inzwischen hat Jannick Schwaderer unter den Bewohner:innen neue Freunde gefunden; mit seinem 30-jährigen Zimmernachbarn teilt er sein Interesse für Fußball und Computertechnik. „Wir helfen uns hier gegenseitig und möchten unsere Selbstständigkeit erhalten, solange es geht“, berichtet er zuversichtlich. „Darum treiben wir auch regelmäßig Sport und absolvieren ein umfangreiches Therapieprogramm.“ Einrichtungsleiter Manfred Lübke ergänzt: „Unser Bestreben ist es, jeden Einzelnen durch therapeutische Förderung bei seiner Lebensplanung zu unterstützen und eine größtmögliche Selbstständigkeit im Alltag zu erreichen. Im besten Fall bis hin zur Rückkehr in die eigene Familie oder den eigenen Haushalt.“ So weit kann und will Jannick Schwaderer noch nicht planen. Er freut sich über seine täglichen kleinen Fortschritte und auf die regelmäßigen Urlaubsreisen mit dem Vater. Dabei kann dem 23-Jährigen das Reiseziel nicht fern genug sein, auch Flüge in ferne Länder steht er konditionell inzwischen gut durch. Thailand und die Karibik hat Jannick auf seiner „Bucket List“ schon abgehakt. Nun gilt es, noch so viel von der Welt wie möglich zu erkunden – solange es eben geht.
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Junge Pflege: Bedarf noch nicht gedeckt
Von den rund 931.000 Pflegebedürftigen, die laut Statistischem Bundesamt im Jahr 2021 in vollstationären Pflegeheimen versorgt wurden, sind rund 64.650 zwischen 20 und unter 65 Jahre alt. Dennoch bieten nach wie vor zu wenige Einrichtungen eine Pflege speziell für jüngere Menschen an. Dabei ist die Verweildauer der Bewohner:innen um ein Vielfaches höher als in der Altenpflege, weshalb es weniger Fluktuation und Verwaltungsaufwand gibt. Ein höherer Kostenaufwand entsteht hingegen aufgrund des größeren Personalbedarfs, der von den Kostenträgern oft nicht mitfinanziert wird. „Trotz allem hat die Junge Pflege großes Potenzial, und der Bedarf ist noch lange nicht gedeckt“, betont Manfred Lübke, Einrichtungsleiter des ASB Oberhausen. |
Text: Alexandra Valentino